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Schatten der Vergangenheit

 Der finnische Autor Arttu Tuominen, der eigentlich in seinem Brotberuf Ingenieur ist, war für mich eine echte Entdeckung. Seine Romane um eine Ermittlereinheit in der finnischen Stadt Poru knüpft an beste skandinavische Krimi-Traditionen an, verbindet den kritischen Blick auf die Gesellschaft mit Spannung und komplexen Charakteren und sind zudem gut geschrieben. Der jüngste Band, "Was wir nie verzeihen", bildet hier keine Ausnahme. Diesmal geht es nicht nur um die privaten Nöte der bereits bekannten Ermittler mit zahlreichen Ecken und Kanten, sondern auch um die Aufarbeitung eines schwierigen Kapitels finnischer Vergangenheit. Die Beamten von Poru ermitteln zu einem Überfall auf den greisen Bewohner eines Altenheims. Der Mann ist deutlich über 90 Jahre alt, ein netter alter Herr. Wenig später wird ein anderer Greis entführt und ermordet. Gibt es eine Verbindung? Der Leser weiß hier bald mehr als die Ermittler, denn in einer anderen Erzähl- und Zeitebene geht es in die Zeit d...

Traumhochzeit endet in Familiendrama

 Schuld, Trauma, entzweite Familien und eine Art Romeo und Julia-Geschichte prägen Malin Stehns Psychokrimi "Nur eine Lüge", der auf zwei Zeitebenen spielt. Einst waren Annika und Mats sowie Krister und Gittan gut befreundet, die Söhne William und Erik spielen im gleichen Fußballteam. Ein schwerer Verkehrsunfall ändert alles. Erik ist nach einer Alkoholfahrt querschnittgelähmt, die Profikarriere, von der insbesondere seine Mutter Annika träumte, ist nun unmöglich. Seine jüngere Schwester Emily, die ohnehin nur wenig Beachtung von der fußballbegeisterten Mutter bekam, droht völlig hintenan zu stehen. Acht Jahre später kommen die Familien zusammen zur Hochzeit von Emily und William, der mittlerweile ein erfolgreicher IT-Unternehmer ist. Emily hat ihre mittlerweile geschiedenen Eltern zur Hochzeit eingeladen, doch vor allem das Verhältnis zur Mutter ist schwierig: Annika ist Alkoholikerin, wirft William und dessen Familie Mordversuch und Vertuschung vor - nicht die besten Voraus...

Mordermittlungen und Kriegsvergangenheit - neue Kopenhagen-Serie

 Katrine Engberg war mir schon durch ihre im Diogenes Verlag veröffentlichten Kopenhagen Krimis ein Begriff. Nun gibt es wohl einen neuen Verlag - und mit "Glutspur" den ersten Band einer neuen Serie um die Privatdetektivin Liv Jensen, die nicht nur versucht, in der Branche Fuß zu fassen und in der dänischen Hauptstadt heimisch zu werden - sie arbeitet auch auf eine Rückkehr in den Polizeidienst hin. Bis die Leser Liv kennenlernen, dauert es allerdings eine Weile, denn gleich mehrere Erzählstränge werden eingeführt sowie Personen, die auch künftig eine Rolle spielen könnten. Da ist der Selbstmord eines Mannes, der sich als der Sohn von Livs künftigen Vermieter herausstellen wird. Der unter einer bipolaren Störung leidende Mann befand sich wegen des Mordes an seiner Ex-Frau in der forensischen Psychiatrie. Erst Monate nach dem Selbstmord wird bei der Renovierung seines Zimmers bekannt, dass er hinter einer Schrankwand Botschaften in einer ausgestorbenen Sprache hinterlassen ha...

Die Tote im Lavafeld

  Seit einem halben Jahr ist eine junge Frau in einer isländischen Kleinstadt verschwunden, doch vermisst wird sie offenbar nicht einmal von ihrer 16-jährigen Tochter. Alkoholabhängig, nicht besonders zuverlässig, hat die alleinerziehende Mutter einen Abschiedsbrief hinterlassen. Wollte sie mit einem Suizid aus all ihren Problemen flüchten? Doch als in einem Lavafeld eine weibliche Leiche gefunden wird, scheidet für die ermittelnde Polizistin Elma und ihr Team ein Selbstmord oder Unfall schnell aus. Zu sehr wirkt die Tote wie abgelegt und versteckt. Doch wer könnte Interesse daran haben, eine Frau zu töten, die eh schon länger auf der Verliererseite des Lebens steckte? In "Verlogen", dem zweiten Band von Eva Björg Aegisdottir Reihe um die isländische Polizistin Elma, ist der Titel bereits Programm. Denn zahlreiche Lügen müssen auf der Suche nach der Wahrheit aufgedeckt werden. Dabei versteht es die Autorin gut, ihre Leser*innen ebenfalls mit manchem Täuschungsmanöver zu überr...

Kalmann zwischen Trump-Anhängern und altem Spionagefall

 Vor drei Jahren hat Joachim B. Schmidt mit seiner Romanfigur "Kalmann" und dem gleichnamigen Buch einen ganz besonderen Protagonisten geschaffen - und irgendwie auch ein Plädoyer für Akzeptanz und Inklusion. Denn Kalmann Odinsson, der s elbst ernannte Sheriff von Raufarhövn, hat zwar immer wieder mal "Watte im Kopf", ist aber voll in das Dörfchen am Polarkreis integriert und selbstverständlicher Teil der Dorfgesellschaft. Nur alleine mit dem Boot unterwegs sein und Haie jagen, das darf er nicht mehr. Doch der reine Tor aus Island hat den Kopf voll mit ganz anderem Kummer, um die Jagd groß zu vermissen im Nachfolgeband "Kalmann und der schlafende Berg": Odin, sein geliebter Großvater ist gestorben, und auch wenn er am Ende schwer dement war und Kalmann nicht mehr erkannte, trauert der tief um den geliebten Opa, der am Ende damit überraschte, dass er auf einmal Russisch sprach. Vielleicht ist es also eine gute Sache, dass Kalmanns leiblicher Vater, zu dem e...

Tod einer Saxofonistin

 Ex-Journalistin Agnes Tveit ist seit ihrem  ersten Auftritt in Randi Fuglehaugs "Todesfall" unter die Buchautorinnen gegangen. Die dramatischen Erlebnisse um das Sportfest in ihrer westnorwegischen Heimatstadt Voss hat sie zu einem True Crime-Buch verarbeitet, nun soll sie  eine Biografie über die ebenfalls aus Voss stammende Saxofonistin Marta Tverberg schreiben. Zu der exzentrischen Jazzerin hat sie ein ambivalentes Verhältnis: Sie bewundert die Lebensleistung der Frau,  kann sich mit ihrer oft barschen und arroganten Art nicht anfreunden. Doch dann stirbt Marta während des Voss Jazz Festival nach einer Wutrede  gegen Jugendkult und Männerbünde in der Musikindustrie während ihres Auftritts. Ist damit auch die Biografie gestorben? Die Tatsache, dass auch ein anwesender Medizinstudent nach seinen Wiederbelebungsmaßnahmen und Mund-zu-Mund-Beatmung zusammenbricht und wenig später stirbt, nährt die Vermutung, dass hier nicht etwa ein plötzlicher Herztod eintrat. T...

Schreibblockade und Mordermittlung

  Den Namen Jenny Lund Madsen werde ich mir merken! Denn bereits der Debütroman der Autorin, "30 Tage Dunkelheit", hat mich hundertprozentig überzeugt. Atmosphäre, Plot, Charaktere, Setting - das war alles stimmig, spannend und zudem richtig gut geschrieben. Dazu ist allerdings zu sagen: Es mag der Debütroman sein, als Drehbuchautorin hat Lund mit cliffhangern, Twists und Dialogen bereits Erfahrung - davon profitiert auch ihr Debüt als Romanschriftstellerin. Dunkel geht es in skandinavischen Krimis ja oft zu, hier gibt es auch das passende Wetter: Der überwiegende Teil der Handlung spielt in einem isländischen Dorf im November. Ausgerechnet hierhin verschlägt es die renommierte, aber kommerziell erfolglose Schriftstellerin Hannah. Ihre Prosatexte sind zwar literarisch anspruchsvoll, setzen in den Buchhandlungen eher Staub an. In den vergangenen Jahren hatte sie eine Schreibblockade, ihr nicht wirklich eingestandener Alkoholismus dürfte das Seinige dazu beigetragen haben. Trot...